M.W. Schwarzbach

 

LINKSRECHTSOBENUNTEN

 

Band 1:

 

Die Wolkenkrieger

 

1. Pietschie Poak

 

„Ist da jemand?“ Marie schrak aus ihren Träumen hoch. Da war ein Geräusch, das hatte sie sich bestimmt nicht eingebildet. Gleich drüben beim Kleiderschrank hatte sie etwas gehört. Ihre Hand glitt langsam zu ihrer Nachttischlampe. Ein Klick und es war hell. Sie strich sich ihre langen, rotblonden Haare aus dem Gesicht und blickte sich um. Viel sah sie aber nicht, da ihre blauen Augen vom hellen Licht geblendet wurden. Als sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, sah sie sich im Zimmer um. Da, wieder ein Geräusch. Unter dem Schrank war etwas. Es raschelte leise. Marie stand langsam und so leise sie konnte auf und schlich zu ihrem Kleiderschrank hinüber. Sie legte ihren Kopf auf den Boden und blickte unter den Schrank. Eine Maus – eine kleine verängstigte Maus saß dort unter ihrem Schrank und blickte sie verschreckt an. Marie lächelte und streckte ihren Arm behutsam in Richtung Schrank aus. Die Maus zuckte für einen kurzen Augenblick zusammen, als Marie aber leise sagte: „Ganz ruhig, ich tu dir nichts“, sah die Maus sie mit neugierigem Blick an und bewegte sich auf ihre Hand zu. Sie schnupperte an Maries kleinem Finger und leckte dann liebevoll daran.

 

Wenn die Kellertür des Mehrfamilienhauses, in dem Marie lebte, offen stand, kam es schon mal vor, dass eine Maus, die die Treppe herunter gehüpft war und nicht mehr hinauf kam, in das Haus schlich und dann durch Leitungs- oder Rohrkanäle in die darüber liegenden Wohnungen gelangte. Das hatte schon oft zu entsetzten bis hysterischen Schreien und aufgeregtem Hundegebell geführt. Wahrscheinlich ist auch die ein oder andere Maus einer der Katzen, die im Haus lebten, zum Opfer gefallen. Aber die meisten haben sich am Ende ihrer Odyssee in Maries Zimmer eingefunden, die sie dann jedes Mal in die Freiheit entlassen hatte. Marie besaß aus diesem Grund einen kleinen Käfig, dessen Boden mit Stroh bedeckt war. Dort machte sie es den Mäusen über Nacht gemütlich, um sie am nächsten Morgen im Garten laufen zu lassen. Warum die Mäuse sich aber immer in ihrem Zimmer einfanden und ihr gegenüber so zutraulich waren, konnte sie nicht erklären. Ihr Vater behauptete felsenfest, dass sie das von ihrem Ur-Ur-Ur-Großvater geerbt hätte.

 

Als die Maus in ihrem Schlaflager war, blickte Marie auf den Radiowecker:

 

02.42 Uhr.

 

Hmmm, schön, dachte sie, ich kann noch fast vier Stunden schlafen. Sie legte sich auf die Seite, machte das Licht aus und seufzte erleichtert.

 

PIEP PIEP PIEP ... PIEP PIEP PIEP ... dröhnte es gefühlte fünf Minuten später aus ihrem Wecker, auf dem nun 06.30 Uhr stand.

 

„Och nee ..., ich will noch schlafen ...“, sagte sie leise zu sich, drückte auf die Schlummertaste und drehte sich noch einmal um.

 

„Aufstehen!“ Maries Mutter machte mit einem Ruck die Tür auf und sah ihrer hochgeschreckten Tochter ins Gesicht. „Du müsstest langsam mal wach werden, Frau Fuchsner.“

 

Marie drehte sich zum Wecker und erschrak erneut: 07.10 Uhr! Sie musste die Aus-Taste, anstelle der Schlummertaste gedrückt haben. Mit einem Satz war sie aus dem Bett, rannte zum Schrank, um ihre Kleider herauszuholen und musste sich erst einmal an ihrem Schreibtischstuhl festhalten, weil ihr vom schnellen Aufspringen ganz schwindelig geworden war.

 

„Du musst dich zwar beeilen, aber dich nicht umbringen“, sagte Frau Fuchsner, die das Ganze beobachtet hatte, lächelnd. „Ich fahre dich heute ausnahmsweise zur Schule, ist ja auch der letzte Tag.“

 

„Oh, danke, Mama“, rief Marie freudig, packte schnell ihre Jeans, die rote Kapuzenjacke und das Guns’n‘Roses T-Shirt, das sie ihrem Vater aus dem Schrank stibitzt hatte, zusammen und rannte ins Bad. Knappe zehn Minuten später stand sie, auf die Schnelle frisch gemacht, im Esszimmer, wo ihre Mutter eine Schüssel Cornflakes auf den Tisch gestellt hatte. Marie goss sich Milch darüber, streute noch ein klein wenig Zucker obenauf und begann die Flakes hastig in sich hinein zu schaufeln. Plötzlich hörte sie hinter sich, am alten Bauernschrank, ein Rascheln.

 

Blitzschnell drehte sie sich um, doch da saß nur Flohpatt, ihr weiß-rot-schwarz gefleckter Kater und putzte sich die Pfoten.

 

„Ich dachte, da wär schon wieder eine Maus“, sagte sie und musste schmunzeln. Nachdem sie zu Ende gefrühstückt hatte, holte sie schnell ihre Schultasche und die Maus von gestern Abend aus ihrem Zimmer. Im Garten ließ sie sie frei und stieg in das Auto ihrer Mutter. Nachdem sie an der Schule angekommen waren, gab sie ihrer Mutter einen Abschiedskuss und sagte: „Bis nachher, heute dauert es ja zum Glück nicht so lang. Danke für's Herbringen!“ Sie stieg aus dem Auto und lief schnell in ihre Klasse.

 

Um kurz nach halb elf stürmten alle Kinder aus der Schule. Es war ein tosender Lärm, von dem die Nachbarn der Schule nun sechs Wochen lang Ruhe hatten. Es waren Sommerferien, und nach den Ferien würde Marie in die siebte Klasse kommen. Vor ihr liefen ein paar Jungs aus ihrer Klasse, unter anderem auch Lukas, den Marie am süßesten von allen fand. Einer von ihnen, Tim, stellte einem kleineren Jungen im Vorbeilaufen das Bein, worauf dieser hinfiel und anfing zu weinen.

 

„Ey, guckt mal, der macht ja wie ’n Mädchen“, verhöhnte ihn Tim lachend und trat ihm nochmals gegen das Bein, was den Jungen noch lauter schluchzen ließ.

 

„Wenn du die Sommerferien mit 'ner gebrochenen Nase verbringen willst, dann mach das ruhig nochmal“, sagte Marie zu Tim, der beim Klang ihrer Stimme zusammenzuckte und zwei Schritte zurück wich. Marie war bekannt dafür, dass sie solche Ungerechtigkeiten, wie auf Kleineren herum zu hacken, nicht leiden konnte und zuweilen recht rabiat dagegen vorging. Außerdem ging das Gerücht um, dass sie seit geraumer Zeit Taekwondo-Unterricht nahm.

 

„Oh Mann, ey, ich hab doch gar nix gemacht, der is‘ voll von alleine hingefallen“, sagte der rothaarige, schlaksige Tim in der Hoffnung, Marie hätte den Vorfall nicht von Anfang an beobachtet.

 

„Wem willst du hier was vormachen?!“ Marie ging mit schnellen Schritten auf Tim zu, worauf er umgehend verängstigt Reißaus nahm. „Wenn ich so was noch mal sehe, bist du fällig!“, rief sie ihm hinterher. Sie half dem kleinen Erstklässler auf die Beine, wischte ihm die Tränen aus dem Gesicht und sagte: „Der macht das nicht noch mal mit dir, dafür sorge ich.“

 

Sie blinzelte ihm lächelnd zu und in dem eben noch verängstigten Gesicht zeigte sich ebenfalls ein Lächeln. Der Junge hüpfte fröhlich davon und rief: „Danke, Marie!“

 

Ein weiteres Lächeln huschte über Maries Gesicht und sie machte sich auf den Heimweg.

 

„Aus, Friedrich, aus!!!“, hörte Marie eine kreischende Frauenstimme und das Knurren eines Hundes. Als sie um die Ecke in ihre Straße lief, sah sie Frau Wortkarg, ihre Nachbarin, deren Rauhaardackel Friedrich und Herrn Fritze, den Postboten, vor der Eingangstür ihres Hauses stehen. Friedrich hatte sich in Herrn Fritzes Hosenbein verbissen und zerrte wie wild daran. Der Postbote wiederum stand steif wie ein Brett da und sein Gesicht war angstverzerrt. Es ging das Gerücht um, dass ihn Attilia, die riesige, schwarz-weiß gefleckte Deutsche Dogge aus dem alten Herrenhaus am Ende der Straße, vor nicht allzu langer Zeit wild bellend und schwanzwedelnd über den ganzen Hof gejagt und er Zuflucht auf einen Apfelbaum gesucht hatte. Seitdem, so sagten die Leute, sollte er mächtige Angst vor Hunden haben. Augenscheinlich entsprach zumindest ein Teil des Gerüchtes der Wahrheit. Frau Wortkarg zog an der Leine, brüllte Friedrich an und schnaufte vor Wut, aber der kleine Hund wollte partout nicht auf sein Frauchen hören und hielt seine Beute, also Herrn Fritzes Hose, hartnäckig fest.

 

„Friedrich“, sagte Marie mit ruhiger Stimme und der Hund hielt inne, „lass ihn los!“ Friedrich sah sie kurz an und gehorchte dann sofort. Er entließ das Hosenbein aus seinem Kiefer.

 

„Marie“, stieß Frau Wortkarg erleichtert aus und umarmte sie stürmisch, „du bist genau im richtigen Moment erschienen!“

 

„Ein bisschen früher wäre noch besser gewesen“, fügte Herr Fritze wimmernd hinzu und sah seufzend auf sein zerrissenes Hosenbein herunter.

 

„Oh, ja, natürlich“, bestätigte Frau Wortkarg kleinlaut. Sie bot an, die Hose des Postboten zu flicken und ihn auf eine leckere Tasse Tee und ein Stückchen selbstgebackenen Kuchen einzuladen. Außerdem sagte sie, sie wolle sich gemeinsam mit Friedrich darum kümmern, dass Herr Fritze seine Angst vor Hunden endlich wieder verlieren würde.

 

Maries Vater hätte wieder gesagt, dass sie dieses Gespür für den Umgang mit Tieren von ihrem Ur-Ur-Ur-Großvater geerbt hatte, so wie damals, als sie mit ihrem Vater und seinem Freund Peter im Wald war.

 

Zu Hause angekommen schmiss Marie ihren Rucksack in die Zimmerecke neben ihren Schreibtisch, wo er die nächsten sechs Wochen liegen bleiben sollte. Nach dem Mittagessen verkündete sie: „Ich geh ein bisschen raus, wo ist denn Max?“

 

„Der wartet bestimmt schon“, antwortete ihre Mutter.

 

„Ja!“, war es aus Max’ Zimmer zu hören. Er zog sich blitzschnell seine Gummistiefel an und rannte in seiner kurzen Hose zur Wohnungstür. Aufgeregt sprang er von einem Bein auf das andere. Der Junge, der die gleichen rotblonden Haare wie Marie hatte, war gerade vier geworden und ihr, neben ihren Eltern, das Wichtigste auf der ganzen Welt. Sie nahm ihn an die Hand und die beiden machten sich auf zum Spielplatz im Park.

 

Auf einer Bank saß wie immer der alte Herr Davinio aus der Nachbarschaft in seinem grauen Anzug und fütterte die Spatzen. Er begrüßte sie lächelnd: „Na, ihr zwei, mal wieder spielen?“

 

„Ja“, sagten sie im Chor und Marie fügte augenzwinkernd hinzu: „Und Sie mal wieder Tauben füttern?!“

 

„Genau“, sagte Herr Davinio und zwinkerte zurück. „Heinzelmänner oder Klabautermänner lassen sich ja hier nicht blicken, sonst würde ich die füttern. Viel Spaß!“

 

„Danke“, rief Marie und rannte Max hinterher, der den Spielplatz schon fast erreicht hatte.

 

Marie setzte sich auf eine Bank und las in einem Buch, während Max im Sandkasten spielte. Nach einer Weile sah er plötzlich eine Katze und lief geradewegs auf sie zu. Die Katze machte sofort abwehrend einen Buckel und fauchte den Jungen an, worauf er einen Schritt zurückwich und ängstlich: „Marie ...“ von sich gab.

 

„Hey, kleiner Mann“, antwortete sie ruhig. „Du darfst Katzen nicht erschrecken.“ Sie strich ihm sanft über den Kopf. „Es sind nicht alle so gelassen wie unser Flohpatt. Diese hier hat Angst vor dir und denkt sie muss sich verteidigen.“ Langsam ging sie auf die Katze zu und flüsterte: „Pass auf, so macht man das.“ Sie kniete sich hin und streckte ihre Hand aus. Sofort rannte die Katze neugierig auf sie zu, streckte ihren Schwanz in die Luft, fing an zu schnurren und rieb ihren Kopf genüsslich an Maries Knie.

 

„Komm her, Maxi – aber langsam.“ Der Junge ging zu ihr und streichelte die Katze.

 

„Sapperlot“, war eine leise Stimme zu hören und Marie drehte sich um. Niemand war zu sehen.

 

„Hast du das auch gehört?“ Marie blickte Max fragend an.

 

„Was denn?“ Max war viel zu sehr mit der Katze beschäftigt, als dass er irgendetwas hätte hören können. Marie aber blickte sich noch einmal in alle Richtungen um, schüttelte ungläubig den Kopf und sagte dann: „Komm kleiner Mann, es ist schon spät. Papa ist bestimmt schon zu Hause.“

 

„Oh ja“, rief Max erfreut und sprang auf, worauf die Katze erschrocken das Weite suchte.

 

Zu Hause sprang Max seinem Vater, der auf dem Sofa im Wohnzimmer saß, sofort in die Arme.

 

„Hey, mein kleiner Wildfang“, sagte Herr Fuchsner und drückte ihn an sich. Ihr Vater war kein großer, aber auch kein kleiner Mann, obwohl er für Max der Allergrößte war. Er hatte rote Haare und seine Hände hatten harte Schwielen von der Arbeit. Wenn er nach Hause kam, roch er immer so schön nach Erde, Bäumen und Blättern und das mochten die Kinder ungemein. Herr Fuchsner war Landschaftsgärtner und genau das wollte Max später auch einmal werden. Herr Fuchsner hatte ihm zu seinem dritten Geburtstag eine kleine Spiel-Motorsäge, die echte Motorengeräusche machte, geschenkt. Damit war der Berufswunsch von Max Fuchsner besiegelt.

 

Nach dem Abendessen saß die ganze Familie zusammen im Wohnzimmer. Herr Fuchsner hatte Marie eine neue Musikzeitschrift mitgebracht, in der sie völlig vertieft las. Max war mit seinen Spielfiguren auf einer Dschungel-Expedition, Frau Fuchsner in ein spannendes Buch vertieft und ihr Mann sah sich eine Dokumentation über das Jagdverhalten ausgewachsener, südamerikanischer Waldameisen im Fernsehen an.

 

„Papa ...“, ließ Max plötzlich verlauten, „Papa, erzählst du uns etwas von Opa Franjo?“ Marie nahm ihren Blick aus der neuen Musikzeitschrift und auch ihre Mutter wandte den ihren vom Buch ab. Alle drei saßen nun da und sahen das Familienoberhaupt erwartungsvoll an. Dieser nahm die Fernbedienung vom Wohnzimmertisch, drückte auf die rote Taste und das Fernsehbild erlosch. Opa Franjo, wie ihn die Familie nannte, war eigentlich der Ur-Ur-Ur-Großvater von Marie und Max und ein durchaus ungewöhnlicher Mann. Herr Fuchsners Antlitz änderte sich von geheimnisvoll in ein belustigtes Grinsen.

 

„Ihr wollt also etwas über Opa Franjo hören?“ Er sah alle auf ihn gerichteten Gesichter der Reihe nach an und alle drei nickten wissbegierig. „Nun denn! Opa Franjo war, wie ihr alle wisst, ein sehr umtriebiger Mensch und er liebte alle Tiere, so wie alle Tiere ihn liebten. Keiner wusste so ganz genau, wie er das anstellte, nicht einmal seine Frau Marga. Er hatte einfach einen ganz besonderen Draht zu ihnen. Nicht nur, dass ihm die größten Hirsche im Wald aus der Hand fraßen, nein, er verbrachte Wochen und Monate mit Wildschweinrotten, schlief zusammen mit Vielfraßen in deren Höhlen in den Sibirischen Wäldern, spielte mit Wildkatzen, scherzte mit Füchsen, jagte mit Luchsen und ...“ Herr Fuchsner hielt kurz inne und sah sein ihn hoch begeistert anblickendes Publikum im Wohnzimmer mit großen Augen an. „Er heuerte auf einem Schiff an, das am Ende seiner Fahrt in New York anlegte. Von dort aus machte er sich auf nach Kanada, um ganze vier Jahre durch die Wildnis zu ziehen. Dort heulte er mit den Kojoten, lebte mit einem Wolfsrudel zusammen und rettete eines Tages einen Grizzlybären aus einer gemeinen Falle. Kurz danach besuchte er zusammen mit Puschy, wie er den Grizzly fortan nannte, das Lager der Jäger, die diese Fallen überall aufgestellt hatten. Es waren sechs verrohte, verwahrloste und übellaunige Herumtreiber, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Aber irgendwie gelang es Opa Franjo und Puschy, sie zu überwältigen und sie dazu zu bringen, alle, wirklich alle Fallen im Wald wieder zu entfernen. Danach vertrieben sie den Haufen Halunken aus der Gegend. Es wurde erzählt, dass die Jäger versucht haben sollen, nach Opa Franjos Abreise wieder in das Gebiet vorzudringen, aber hinter jedem Felsvorsprung, jeder Douglas-Tanne, jedem Ahornbaum, an dem sie vorbei kamen, warteten Grizzlybären und verscheuchten sie mit lautem Gebrüll. Man sagt, die Männer haben sich daraufhin nach Texas verdrückt, um ihr Leben als friedliche Cowboys zu verbringen, sie sollen nie wieder einem Tier ein Leid zugefügt haben ...“ Herr Fuchsner erzählte noch die eine oder andere Geschichte von Opa Franjo und der bezaubernden Oma Marga, bis Frau Fuchsner bemerkte, dass es für Max langsam an der Zeit war, ins Bett zu gehen. Nach kurzem, lautstarkem Protest wurde Max auf Herrn Fuchsners Rücken, lachend und wiehernd, in sein Bett transportiert. Herr Fuchsner spielte dort noch über eine Stunde mit seinem Sohn. Nachdem Marie ihre Zeitschrift zur Hälfte durchgelesen hatte, verabschiedete auch sie sich und machte sich gähnend auf den Weg ins Bad, um danach bekleidet mit ihrem Schlaf-T-Shirt, auf dem ein gähnender Teddybär zu sehen war, ins Bett zu fallen.

 

Mitten in der Nacht wachte Marie plötzlich auf. In ihrem Zimmer raschelte etwas. Als sie ihren Kopf hob und dadurch ihr Bett leise knarrte, verstummte das Rascheln plötzlich.

 

Sie griff zum Lichtschalter. Wie letzte Nacht blendete sie das eingeschaltete Licht und sie sah nur verschwommen einen kleinen Schatten durch ihr Zimmer huschen. Sie rieb sich die Augen und schaute in die Richtung, in die der Schatten verschwunden war. Die Maus musste auf der Flucht gegen ihren Gitarrenständer gestoßen sein, denn dieser wackelte, kippte langsam nach vorne und fiel mitsamt dem Instrument laut krachend zu Boden.

 

„Oh nein, oh nein, oh nein“, hörte Marie es leise aus der Ecke wimmern und erschrak.

 

„Wer ist da?“

 

Sie schlug die Decke zur Seite, sprang aus dem Bett und zog sich reflexartig ihre graue Jogginghose an.

 

„Wenn ich meinen Papa hole, wird er dir Beine machen“, sagte sie drohend, obwohl sie sich in ihrem Teddybären T-Shirt wirklich nicht sonderlich bedrohlich vorkam. Aber unter ihrem Regal schien plötzlich jemand nervös zu werden. Es raschelte und tapste unaufhörlich und ein alter Tennisball rollte heraus.

 

„Aua“, hörte sie nach einem kleinen dumpfen Schlag erneut die Stimme und die schwarze Billardkugel, auf der die Nummer 8 stand, die Marie schon seit langem vermisst hatte, rollte ebenfalls unter dem Regal hervor – gefolgt von einem torkelnden, kleinen Wesen. Es hielt sich den Kopf, auf dem eine rotblau karierte Barettmütze völlig schief hing. Als es nach oben blickte und Marie vor sich stehen sah, erschrak das Wesen, das nicht viel größer als die Billardkugel war und machte mit einem lauten „Aaaahhh“ einen Satz von mindestens einem halben Meter in die Luft.

 

„Wow“, entglitt es Marie verblüfft. Wenn sie mit ihrer Größe so hoch springen könnte, wäre sie in der Lage, von der Straße aus direkt auf dem Dach des dreistöckigen Hauses, in dem sie wohnte, zu landen. Dem kleinen Wesen schien ihre Bewunderung völlig einerlei zu sein, denn es nahm schleunigst wieder Reißaus und verschwand unter ihrem Bett. Marie hechtete hinterher und streckte ihre Hand unter das Bett, was sie aber im nächsten Augenblick bereute.

 

„Aaaauuu!“, stieß sie mit schmerzverzerrtem Gesicht aus und zog die Hand reflexartig zurück. Das Wesen hatte sie wohl mit einer Nadel in den Zeigefinger gestochen. Sie steckte sich den schmerzenden Finger in den Mund. Ihre Bewunderung war verflogen und sie war jetzt einfach nur noch sauer auf den kleinen Kerl. Sie steckte ihren Kopf unter das Bett und sagte: „Du bist ganz schön frech für so ein kleines Dingchen!“

 

„Ich bin kein kleines Dingchen“, entgegnete der Winzling und hob stolz die Brust. „Ich bin ein Diminur.“ Schnell versteckte er sich hinter Maries alten Teddybären und sie fragte hämisch: „Sind alle Dimidingsbums so mausklein oder bist du ein besonders mickriges Exemplar?“ Normalerweise war sie nicht so gehässig, aber sie wollte das kleine Wesen aus der Reserve locken. Wenn sie es fangen wollte, musste es unter ihrem Bett hervor kommen.

 

„Oh, Sie sind gemein, und ich dachte, Sie wären anders“, sagte der Diminur enttäuscht.

 

Er sprang unter dem Bett hervor, drehte sich um und machte einen Satz auf Maries Bettdecke, um von da aus direkt auf den Fenstersims zu springen, der über einen Meter entfernt war. Marie war ein zweites Mal stark beeindruckt von dem kleinen Kerl. Er holte eine Kette, an der ein Stein hing unter seinem weißen Leinenhemd hervor und sagte die Worte: „Bak to meen Hemat helgon Ston!“

 

Blitzschnell schoss Marie nach vorne und bekam ihn zu packen. Doch etwas zog sie plötzlich irgendwohin.

 

Alles um Maries Kopf drehte sich und tausend kleine Funken, wie von Silvesterraketen, blinkten in einem wilden Strudel vor ihren Augen auf. Es war wunderschön, aber irgendwie nicht von dieser Welt, und sie fühlte sich, als würde sie in einem luftleeren Raum rasend schnell einmal nach links, dann nach rechts, dann oben und wieder nach unten geschleudert und das in einer Endlosschleife. Nach einer Weile in dem wilden Strudel wurde ihr schwarz vor Augen.

 

„Oh nein, oh nein, oh nein“, hörte Marie die Stimme des Winzlings, als sie wieder zu sich kam. Jedoch schien ihr die Stimme jetzt viel lauter und kräftiger zu sein, als noch vor einer Minute. Sie spürte einen warmen Luftzug und etwas kitzelte sie an ihren Armen. Langsam öffnete sie die Augen und wurde von der Sonne geblendet, die direkt über ihr am Himmel stand. Wie war das möglich? Eben war es noch mitten in der Nacht gewesen und sie hatte sich in ihrem Zimmer befunden. Als sie sich langsam an das Sonnenlicht gewöhnt hatte, sah sie, dass es Grashalme waren, die sie an ihren Armen kitzelten. Sie lag in einer saftig grünen Wiese. Die Farben der Blumen waren so bunt und kräftig, wie sie sie zu Hause noch nie gesehen hatte. Neben ihr kroch ein Marienkäfer, dessen Farben nicht rot und schwarz, sondern lila und gelb waren, eine dieser Blumen hinauf. Sie richtete ihren Oberkörper auf, sah sich um und ihre Augen wurden ganz groß. Die Wiese befand sich auf einem Hügel. Links neben ihr streckte sich in einigen Kilometern Entfernung ein mächtiges Gebirge in die Höhe. An den Hängen wuchsen dichte Wälder bis zur Baumgrenze. Soweit sie erkennen konnte, folgten danach grüne Wiesen und darüber ragten einige felsige Bergspitzen aus den Wolken hervor. Am Himmel entdeckte sie einen roten Falken, der dort still auf einer Stelle schwebte und plötzlich wieder verschwand. Merkwürdigerweise hatte sie das Gefühl gehabt, er würde sie ansehen. Sie senkte den Kopf und konnte von ihrer Position aus das ganze Tal überblicken. Das Meiste, was sie sehen konnte, waren flache, saftige Blumenwiesen, so bunt und wunderschön, dass sie sich bei dem Anblick plötzlich unwillkürlich wohl und seltsam heimisch fühlte. Zwischendrin tauchten immer wieder weite Felder und auch Anhöhen mit kleineren Wäldern darauf auf. Diese grüne Landschaft, mit ihren kleinen Hügeln und bunten Auen, zog sich zu ihrer Rechten etliche Kilometer weit hin. Am Horizont waren in kaum sichtbaren Umrissen die Berggipfel eines ebenso imposanten Gebirges, wie das auf der linken Seite, zu erkennen. Das Tal und die beiden Gebirge rechts und links davon, dehnten sich vor ihr ebenso bis zum Horizont aus. Durch die Mitte des Tals schlängelte sich ein azurblauer, breiter Fluss. Marie hatte mit ihren Eltern schon einige Länder bereist und wunderschöne Landschaften gesehen, aber dies hier übertraf alles. Es war wie in einem Traum. Wenn sie wieder zu Hause wäre, würde sie ihren Eltern davon erzählen und vorschlagen, hier einmal Urlaub zu machen. Aber wo war sie überhaupt? Sie sah sich weiter um und zuckte plötzlich erschrocken zusammen. Der Diminur, der in ihrem Zimmer noch die Größe einer Maus hatte, war jetzt so groß wie ein Mensch und befand sich mit dem Rücken zu ihr etwa fünf Meter entfernt. Er schien verwirrt zu sein, denn er fing an, leise redend von links nach rechts zu rennen.

 

„Was mach ich nur, was mach ich nur? Diese vermaledeiten Menschen. Sie machen immer genau das, was sie am besten nicht tun sollten. Es ist kein Wunder, dass wir uns aus ihrer Welt zurückgezogen haben.“ Er drehte sich ein wenig und erst jetzt konnte Marie ihn richtig sehen. Es war ein Junge und sie schätzte sein Alter auf irgendwas zwischen 13 und 15 Jahren. Sie hätte es ihm gegenüber nicht zugegeben, aber sie fand ihn durchaus süß. Seine roten Haare blitzten unter seiner Barettmütze, an der eine große, bunte Feder steckte, hervor. Er trug eine grüne Leinenhose, ein weißes Leinenhemd und darüber eine rote Tunika, an deren Gürtel ein Holzknüppel und ein kleines Schwert hingen. Mit diesem Ding musste er sie unter dem Bett gestochen haben. Beim Gedanken daran schmerzte wieder die kleine Wunde an ihrem Finger und sie schüttelte ihre Hand. Dann fiel ihr wieder ein, dass sie eigentlich zu Hause in ihrem Bett liegen sollte und dass dieser Dimidingsbums Junge daran schuld war, dass sie das nicht tat.

 

Sie hob den Kopf und rief laut: „Was ist hier los? Wo bin ich hier?“

 

Der Junge zuckte zusammen und drehte sich langsam um.

 

„Ich dachte, sie wäre noch eine Weile außer Gefecht gesetzt“, sagte er leise zu sich – aber nicht so leise, dass Marie es nicht hören konnte.

 

„Was meinst du mit ‚außer Gefecht gesetzt‘?“ Ihre Frage klang sehr wütend und der Diminur zuckte ein weiteres Mal zusammen.

 

„Oh nein, oh nein, oh nein“, sagte er wieder leise zu sich. „Jetzt hat sie auch noch gehört, was ich gesagt habe. Niiiiiiemals mit einem Menschen diskutieren. Die vierte oberste Späherregel im Umgang mit ihnen!“

 

Marie verstand kein Wort von dem, was er sagte und fragte: „Welche Regeln? Und wie kommst du eigentlich dazu, mich zu entführen?“

 

Er drehte kurz den Kopf zur Seite, sah Marie dann an und sprach in ihre Richtung: „Ich habe Sie nicht entführt!“

 

„Ach nein? Und wie, verdammt nochmal, komme ich sonst hierher? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du mich dazu eingeladen hättest, dich zu begleiten!“

 

Maries Stimme war sehr laut und immer noch wütend und der Junge sagte verzweifelt: „Beruhigen Sie sich!“

 

Aber ihre Stimme wurde noch lauter: „Wie soll ich mich denn beruhigen? Ich werde mitten in der Nacht aus meinem Zimmer entführt und liege im nächsten Moment am helllichten Tag auf einer Wiese in einer Gegend, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Ich muss ja stundenlang weggetreten gewesen sein. Was hast du mir eingeflößt?“

 

„Nichts“, antwortete der Junge empört, „Sie haben sich an meine Fersen gehängt, als ich gerade durch das Weltentor gesprungen bin. Und eine Reise durch das Tor hat nun mal Auswirkungen auf unerprobte Körper. Obwohl Sie einiges verkraften können, wie es scheint. Normalerweise sind Anfänger danach wesentlich länger im Land der Träume. Das ist durchaus ungewöhnlich.“

 

„Erzähl mir doch bitte nicht so einen durchgequirlten Mäusedreck“, erwiderte Marie. „Was ist denn bitteschön ein Weltentor?! Du musst dir schon etwas Besseres einfallen lassen oder wie wär’s denn zum Beispiel mit der Wahrheit? Du Kidnapper!“

 

„Frau Fuchsner, ich sage die Wahrheit und ich habe Sie nicht entführt, Sie haben sich in dem Moment an mir festgehalten, in dem ich Ihre Welt verlassen habe.“

 

„Wen versuchst du hier auf den Arm zu nehmen? Meine Welt verlassen, dass ich nicht lache! Es gibt nur die eine Welt! Oder willst du mir erzählen, dass ich hier im Märchenland oder auf einem anderen Stern bin? Sag mir jetzt sofort, wo ich wirklich bin und wieso du mich hierher entführt hast?“ Marie wollte gerade aufstehen und fragen wie ihr vermeintlicher Entführer überhaupt heißt, als sich plötzlich von links jemand näherte. Der Junge sprang auf sie zu, hielt sie mit der einen Hand fest und presste die andere auf ihren Mund. Marie biss mit aller Kraft in seinen Mittelfinger, worauf der Diminur laut aufschrie.

 

„Was ist denn hier los?“ Eine tiefe, wohlklingende Stimme durchdrang die Luft und vor ihnen tauchte ein alter Mann mit langem, weißem Bart auf. Er trug einen ebenfalls rotblau karierten Umhang und hielt einen langen Stab aus gebogenem Holz in der Hand. Das eine Auge des Mannes war grün, das andere stechend blau. Er sah die beiden an und fragte: „Pietschie, wer ist das Mädchen und was macht ihr hi ...“ Er stockte und blickte Marie erneut an, diesmal mit überaus erschrockener Miene. „Das ist das Menschenkind!“ Der alte Mann schien plötzlich ganz aufgeregt und fing an hin und her zu laufen. „Was hast du getan?“

 

Pietschie lockerte seinen Griff und wollte gerade erzählen, was geschehen war, als Marie sich losriss und anfing laut nach Hilfe zu schreien.

 

Sofort machte der Alte eine Bewegung mit dem großen Stab, der dabei seltsam rasselte und Marie brachte keinen Ton mehr aus ihrem Mund. Sie hielt die Hand an ihre Kehle und riss ihren Mund weit auf, aber kein Mucks war zu hören.

 

Sie blickte starr und erschrocken.

 

„Wir müssen hier weg“, sagte der Alte, während Marie immer noch ihren Mund, vermutlich beim Versuch lautstark zu schimpfen, auf und zu machte.

 

Er sah sie noch einmal an und schüttelte den Kopf. „Hm, seltsam“, murmelte er, schwang dann seinen Stab und im nächsten Moment befanden sich die drei in einer Hütte. Marie lag gefesselt auf einem Bett. Sie hatte immer noch das laute Rasseln des Stabes im Ohr. Die Wände der Hütte waren aus braunem Naturstein und überall steckten bunte Kerzen auf schmuckvoll gefertigten Wandhaltern aus Stahl. In hölzernen Regalen standen haufenweise Bücher. Bei einigen von ihnen handelte es sich den Titeln nach um Abenteuerbücher, bei anderen augenscheinlich um wissenschaftliche Literatur. Der Weißbärtige schnippte einmal mit den Fingern und die zwei Kerzen neben Pietschie entzündeten sich. Ihr Licht schien ihm direkt ins Gesicht.

 

„Was ist in dich gefahren, das Menschenkind mit nach Linksrechtsobenunten zu bringen? Hast du die wichtigste aller Regeln deiner Späher-Ausbildung vergessen?“ Der Alte zog hastig die Vorhänge zu und sah Pietschie ernst an.

 

„Es tut mir leid, Meister Rasselstock“, sagte der Junge verlegen. „Sie packte mich genau in jenem Moment, als ich den Transportzauber ausgesprochen hatte.“

 

„Das ist keine Entschuldigung. Sie hätte dich weder zu fassen, geschweige denn  zu sehen bekommen dürfen“, antwortete der Zauberer streng.

 

„Sie ist geschickt. Genau wie es Insgadir berichtet hat“, verteidigte sich der Junge.

 

„Genau deshalb hättest du doppelt vorsichtig sein müssen“, der Alte drehte seinen Kopf in Maries Richtung. Sie machte, wild aber stumm, den Mund auf und zu und blickte dabei äußerst verzweifelt drein.

 

„Lauf ins Dorf und hol den alten Späher“, sagte der Zauberer darauf in einem befehlenden Ton zu Pietschie. „Aber zu keinem ein Wort!“ Pietschie nickte still, öffnete die Tür und verschwand.

 

Der Alte ging auf Marie zu und sagte mit seiner sanften Stimme: „Wenn Sie mir versprechen, ganz ruhig zu bleiben, werde ich Ihre Fesseln lösen und den Schweigezauber von Ihnen nehmen.“

 

Marie war eigentlich sehr wütend, aber die Stimme des Alten beruhigte sie von einem Moment auf den anderen, weshalb sie zaghaft nickte. Er schnippte kurz mit den Fingern und Maries Fesseln lösten sich.

 

Sie versuchte zu sprechen: „Wer ..., wer sind Sie und wo bin ich hier?“

 

„Nun“, fing der Alte an, „um Ihre Fragen kurz zu beantworten, würde es reichen, wenn ich Ihnen sage, dass mein Name Aggadar Rasselstock ist und Sie sich in meiner Hütte ganz in der Nähe von Niederwiesendorf befinden. Ich denke aber, dass Sie eine ausführlichere Antwort verdient haben.“ Aggadar holte tief Luft und fuhr fort. „Sie haben versehentlich die Welt der Menschen verlassen und befinden sich nun in Linksrechtsobenunten ...“

 

„Ich habe was? Ich bin wo?“ Maries Gesichtsausdruck spiegelte vollkommene Ahnungslosigkeit und Verwirrtheit wider.

 

„Das ist sicher nicht leicht zu verstehen, aber Sie haben durch einen Fehler von Pietschie Ihre Welt verlassen und sind nun in unserer gelandet.“

 

„In Ihrer Welt? Aber ... aber ... sind Sie ein Außerirdischer?“

 

„Nein“, antwortete Aggadar lächelnd, „ich bin ein Diminur wie Pietschie, und ich bin der Zauberer von Niederwiesendorf.“

 

„Oh ja, natürlich! Und Sie reiten auf einem Einhorn“, spottete Marie.

 

„Sicherlich nicht. Einhörner lassen sich nicht so einfach reiten. Sie sind sehr stolze Wesen und noch dazu äußerst selten.“ Der kurze Anflug von Sarkasmus, der sich in Maries Gesicht widerspiegelte, war nun wieder der Verwirrtheit gewichen.

 

„Aber wer ..., was sind Dimidingsbums?“

 

„Diminuren“, verbesserte sie der Zauberer, „das ist eigentlich ganz einfach zu erklären. Sie haben doch sicherlich schon einmal von Wichtelmännern gehört?!“

 

„Ja“, antwortete Marie. „Ich kenne Geschichten über kleine Wesen, die in die Häuser der Menschen kommen, um ihnen zu helfen ...“, sie dachte kurz nach, „und ja, Pietschie war in meinem Zimmer noch ganz klein ... wie eine Maus ... oder ein Wichtelmann!“

 

„Genau“, bestätigte der Zauberer, „den Menschen sind wir unter diesem Namen bekannt.“

 

„Aber wenn sie Wichtelmänner sind, wobei wollte Pietschie mir dann helfen?“

 

„Oh nein“, gab Aggadar von sich und schüttelte zaghaft den Kopf, „das Helfen wurde vor langer Zeit eingestellt.“

 

„Warum?“, fragte Marie. „Ich kenne einige Menschen, die eure Hilfe sehr gut gebrauchen könnten!“

 

„Oh, die gibt es mit Sicherheit. Aber leider konnten einige der Menschen, denen wir geholfen haben, nicht genug davon bekommen und nutzten diese Hilfe aus, um Reichtum und Macht zu erlangen. Das war der Grund dafür, dass ein Rat der Diminuren einst beschloss, keine Helfer mehr ihre Welt zu entsenden.“

 

„Aber was wollte Pietschie dann von mir?“

 

„Pietschie ist ein Späher, und unsere Späher werden ausgesandt, um Menschen zu beobachten und von ihnen zu lernen. Sie müssen wissen, dass wir Diminuren zwar recht geschickt im Arbeiten, aber bei weitem nicht so erfinderisch im Geiste sind wie die Menschen. Die Diminuren, auch die, die dem Beschluss des damaligen Rates immer noch zustimmen, zollen der Menschheit hohen Respekt ob ihrer Fähigkeiten.“

 

„Hm ...“, gab Marie von sich, „ist das der Grund, warum Sie mich siezen?“

 

Der Zauberer lächelte sie an und antwortete: „Ja, das ist genau der Grund dafür. Sie werden keinen Diminuren treffen, der einen Menschen mit „du“ anspricht. Selbst die Zweifler würden sich das nie wagen. Aber es gibt eine Tradition bei uns, nach der einer Sie ...“

 

Er wurde durch einen kleinen, hageren, drahtigen Diminuren unterbrochen, der lautstark die Tür öffnete und herein hastete. Er hatte die gleiche Mütze wie Pietschie auf dem Kopf, unter der graue, wild abstehende Haarsträhnen hervor lugten. Seine beigefarbene Tunika sah ebenso alt aus wie er selbst.

 

„Da ist ja meine Kleine! Oh, was ich mich freue, dich wiederzusehen“, schrie er aufgeregt und lief auf Marie zu.

 

Sie wusste nicht, wie ihr geschah, hatte sie den Ankömmling doch noch nie in ihrem Leben gesehen und er tat gerade so, als kannten sie sich schon seit eh und je.

 

Aggadar hielt den Herbeistürmenden mit einem ausgestreckten Arm auf.

 

„Hallo“, sagte Marie unsicher.

 

Jetzt kam Pietschie rücklings in das Haus geschlichen und blickte sich noch einige Male um, bevor er vorsichtig die Tür schloss.

 

Der drahtige Alte wiederum ließ sich nicht beirren und fuhr wild mit den Armen fuchtelnd fort: „Warum denn so schüchtern, Marie? So bist du doch sonst nicht. Oder hast du dich im letzten Jahr so verändert?“ Er lachte und zwinkerte Marie zu.

 

Sie war wirklich nicht schüchtern, aber woher wusste der Diminur das?

 

„Das wollte ich Ihnen gerade erklären“, unterbrach Aggadar den vor Freude hüpfenden Alten, „derjenige Diminurenspäher, der einen Menschen schon von frühester Kindheit an beobachtet, hat das Recht ihn mit du anzusprechen. Das hier ist Insgadir Gukdium. Er ist in Ihrem Fall genau dieser Späher.“

 

„Jaaaa“, sagte Insgadir, „es ist sehr selten, dass ein Mensch eine so ausgeprägte Gabe hat wie du. Du bist einfach etwas Besonderes. Aber dass ich dich einmal hier bei uns sehen würde, hätte ich nie gedacht. Oh, ich freu mich, ich freu mich!“

 

Marie war vollkommen perplex, während Insgadir freudig von einem Bein aufs andere hüpfte. Er stürmte wieder auf sie zu. Diesmal so schnell, dass Aggadar keine Chance hatte, ihn aufzuhalten und so umarmte er sie nun innig.

 

Marie versuchte sich verzweifelt aus der euphorischen Umklammerung zu befreien, als der Zauberer wieder das Wort ergriff: „Ich möchte deiner Wiedersehensfreude bestimmt keinen Abbruch tun, aber wir müssen uns überlegen, wie wir weiter vorgehen. Ein Mensch ist in unsere Welt gelangt und das wird nicht jeder mit so viel Entzücken aufnehmen wie du.“

 

„Ach papperlapap“, entgegnete Insgadir. „Diese ganzen Pessimisten mit ihren übelgelaunten Gesichtern werden noch sehen, was dieses Menschenkind für sie tun kann.“

 

„Ich denke, das Beste wäre es, sie so schnell wie möglich wieder in ihre Welt zu bringen“, sagte Pietschie nachdenklich.

 

„Ja“, stimmte der Zauberer zu, „bevor es irgendjemand merkt.“

 

„Nein“, widersprach Insgadir entschlossen, „ihr Erscheinen ist ein Zeichen und wir dürfen nicht einfach klein beigeben, nur weil wir Angst vor der Meinung einiger anderer haben. Außerdem werden Konstabler Schnüffel und seine zwei Lakaien nicht mehr allzu lang vor der verschlossenen Tür warten.“

 

„Was?“ Pietschie zuckte erschrocken zusammen. Er ging ans Fenster, schob den Vorhang vorsichtig ein Stück zur Seite und fuhr erneut zusammen. „Er ..., er hat recht, sie kommen auf die Hütte zu. Oh nein, oh nein! Wie konnten mir die drei nur entgehen?“

 

„Tja, wie nur?!“, spöttelte Insgadir. „Sie folgen uns schon, seitdem wir meine Hütte verlassen haben. Du hast so sehr darauf geachtet, unauffällig zu sein, dass du so auffällig warst wie ein Pfau beim Balztanz.“

 

Aggadar sah den alten Späher strafend an: „Warum hast du nichts unternommen?“

 

„Ich wusste doch nicht, worum es geht. Dein Späher hat ja kein Wort darüber verloren, sonst hätte ich schon darauf geachtet, dass sie ihre langen Riecher nicht in unsere Angelegenheiten stecken.“

 

Marie wurde langsam etwas panisch. Sie wusste ja nicht, was sie erwarten würde, wenn dieser Konstabler und seine zwei Freunde sie entdecken würden.

 

Aggadar senkte schüttelnd den Kopf: „Du verschrobener, alter Zausel. Da hast du uns in eine schöne Bredouille gebracht!“

 

„Pfff“, entglitt es Insgadir gewollt hämisch. „Wieso denn ich? Ich denke die Verantwortung dafür müsst ihr zwei unter euch aufteilen ...“

 

„Hier spricht Konstabler Schnüffel“, drang es von außen ins Haus, und die Stimme klang nicht unbedingt freundlich.

 

Marie zog die Decke, die auf dem Bett lag, über ihren Kopf und fühlte Angst in sich aufsteigen. „Öffnet die Tür, oder wir sehen uns gezwungen, sie aufzubrechen. Was ist das für eine Versammlung hier?“ Der Konstabler klang sehr entschlossen.

 

Aggadar sah im Moment keine andere Möglichkeit und gab nach: „Nun, wenn es unbedingt sein muss.“ Er entriegelte die schwere Holztür. „Wenn die Tür mir nicht so kostbar wäre, hätten sie es ruhig versuchen können, sie einzuschlagen. Die drei wären stundenlang beschäftigt gewesen, sie ist aus dem Holz der Spreewald-Erle gezimmert. Manche Menschen sagen, das wäre das beste Holz überhaupt!“

 

Der Konstabler öffnete gebieterisch die Tür, trat erhobenen Hauptes ein und fragte in einem angsteinflößenden Ton: „Was geht hier vor?“

 

Marie kauerte sich zusammen und wünschte sich zurück in ihr heimisches Bett.

 

 

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